„Urwald“-Vorschlag der Stadt ungenügend

Wir sehen den Vorschlag der Stadt Dillenburg, nur die steinige Hanglage des Gebiets „Freudenstein“ als Kernfläche auszuweisen, kritisch. „Ein paar dürre Eichen stehen an dem Hang, aber die reichen nicht.“ „Der uns vorliegende Entwurf ist konträr der von uns gewünschten Kernfläche im ,Freudenstein’“, heißt es in einer Stellungnahme des NABU zum Kernflächenkonzept der Stadt. Die Verwaltung schlägt den Südhang des Gebiets, der schwierig zu bewirtschaften ist, für ein Stück künftigen Urwalds vor. Kernfläche bedeutet, dass die ausgewiesene Fläche nicht mehr bewirtschaftet und sich selbst überlassen wird.

 

Bei dem Vorschlag in dem städtischen Konzept handele es sich um 6,4 Hektar des insgesamt 20 Hektar großen „Freudensteins“. Auf den anderen 15,6 Hektar stehen große, alte Bäume. „Ideal für eine Kernfläche“, sagt Frank Markus Dietermann, Vorsitzender unserer NABU-Ortsgruppe. Den Entwurf hält er also für verbesserungsfähig. Denn: „Diese 6,4 Hektar große Fläche am Südhang hat mit Naturwald mit seiner Vielfältigkeit nichts zu tun.“

Die biologische Vielfalt bezeichne neben der Vielfalt der Arten auch die Vielfalt der Lebensräume und die genetischen Besonderheiten innerhalb der Arten. In ihrem Facettenreichtum bilde die biologische Vielfalt die existenzielle Grundlage des menschlichen Lebens. „Die biologische Vielfalt aber ist gefährdet, in Deutschland wie auch weltweit“, schreibt der NABU. „Der Grund dafür liegt oftmals in der übermäßigen Nutzung der natürlichen Ressourcen und in der hohen Flächeninanspruchnahme, wodurch Lebensräume zerstört werden.“

 

Wir finden es wesentlich sinnvoller, den gesamten „Freudenstein“ als Kernfläche auszuweisen. Er bestehe zu über 95 Prozent aus Laubmischwald. Überwiegend handele es sich dort um Rot- und Hainbuchen, Eichen sowie Eschen- und Ahornbestände. Davon seien viele bis zu 200 Jahre alt. Die restlichen fünf Prozent bestünden aus Kiefern, Lärchen und Fichten. Außerdem gebe es im „Freudenstein“ Fledermausstollen, viele Hohlbäume und Totholz, am Rande Hecken und Sträucher als Schutz des Waldes. Außer Singvögeln sind auch Bussard, Rotmilan, Sperber, Turmfalke und Waldohreule bedroht

 

Im zoologischen Gutachten zur Ausweisung des angrenzenden Naturschutzgebiets Altenberg-Sauernberg-Winkelköpfchen seien 50 Brutvogelarten festgestellt worden. Neben Singvögeln seien auch Rotmilan, Habicht, Sperber, Turmfalke, Bussard, Schwarz-, Grün-, Grau-, Bunt-, Klein- und Mittelspecht, Waldkauz und Waldohreule bedroht. Sie seien am „Freudenstein“ Zuhause. Sie bräuchten zur Brut unter anderem kräftige und damit ältere Baumbestände.

 

Weitere Besonderheiten in dem Gebiet sind mehrere gefährdete Fledermausarten. Auch Eidechsen und sogar Amphibien wie Berg- und Teichmolch, Feuersalamander, Erdkröte und Grasfrosch seien am „Freudenstein“ anzutreffen. Edelfalter, Wildbienen, Feldheuschrecken, Schlanklibellen und Schwebfliegen sind weitere Arten, für die die Ausweisung der gesamten Fläche bedeutend wäre.

 

Denn mit dem direkt angrenzenden Naturschutzgebiet Altenberg-Sauernberg-Winkelköpfchen könnte eine über 60 Hektar großes zusammenhängendes Gebiet entstehen, das im Zeichen des Natur- und Artenschutzes stünde. Dietermann führt außerdem an: „Es kann nicht sein, dass wir in Deutschland das Abholzen der Urwälder, die Abnahme von Tieren und Klimawandel kritisieren, selbst aber nichts tun und es noch nicht mal hinbekommen, eine kleine Kernfläche auszuweisen.“

 

Das Schaffen von Kernflächen sei nur eine erste Etappe, die dringend begangen werden müsse. Denn: „Ein paar alte Bäume als Alibi stehen zu lassen, ist im Zuge von Klimawandel, der Verringerung der Artenvielfalt und der Schöpfung mehr als sträflich.“ Sollte es nicht möglich sein, das gesamte Waldgebiet als Kernfläche auszuweisen, sollte aus Sicht des NABU auf jeden Fall der nördliche Teil mit seinen großen und alten Bäumen Naturwald werden.

 

 

Dem spiele auch der Landschaftsplan der Stadt Dillenburg zu, sagte Dietermann. Darin sei festgehalten, dass mindestens ein Fünftel des Stadtwaldes aus der forstlichen Nutzung zu entlassen sei, um natürliche Prozesse der Waldentwicklung zu fördern. Die großen Naturschutzverbände Bund, HGON, NABU, Greenpeace, Zoologische Gesellschaft Frankfurt und WWF forderten jüngst die Ausweisung großer Waldschutzgebiete, darunter den Schelderwald und die Hörre.